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Am Mittwochvormittag, den 16. Juni, war hoher Besuch an der Kerschensteinerschule: Eine Delegation aus der Elfenbeinküste fand sich zunächst im Konferenzraum ein und wurde dort von der Schulleitung herzlich empfangen. Neben Paul Dakuyo, dem Bürgermeister der Stadt Bouaké, und Georges Kouassi Bohoussou, Büroleiter des Bürgermeisters, waren auf deutscher Seite auch Robert Hahn, der Erste Bürgermeister der Stadt Reutlingen, Daniel Stückle, Leiter des Kreisschul- und Kulturamtes, und Wilhelm Schreyeck als Mitglied des Parnterschaftskomittees Reutlingen-Bouaké an die KSS eingeladen. Für die reibungslose Kommunikation mit dem französischsprachigen Besuch sorgte Pierre Gobillon als Simultandolmetscher.

Trotz der immensen sportlichen Herausforderung, die dem ivorischen Fußballteam bei der WM am folgenden Samstag in Form der deutschen Nationalmannschaft bevorstand, war die Stimmung der Besucher bestens, was angesichts der Bewirtung mit Kaffee und hervorragendem Keksgebäck in entspannter Atmosphäre auch nicht verwunderte. In einer aufschlussreichen Kurzpräsentation stellte Frau Bückers unsere Schule vor und informierte über Schülerzahlen, die grundsätzliche organisatorische Gliederung, die angebotenen Berufsfelder sowie die Weiterbildungsmöglichkeiten an der KSS. Wie zum Beweis für die praxisorientierte Ausrichtung der Schule drang zu Beginn des Vortrags Arbeitslärm von der Zimmererwerkstatt in den Konferenzraum. Herr Dakuyo interessierte sich darüber hinaus, woher unsere Schüler eigentlich kommen und wie das Ganze finanziert wird. Frau Marie Chantal Degri, Leiterin des Kulturamtes der Stadt Bouaké, die ebenfalls mitgereist war, bedankte sich für einen Container mit Schulmaterial, der vor kurzem in der Elfenbeinküste angekommen war. Dass Deutschland in Côte d’Ivoire, wie es in der Landessprache heißt, einen hohen Stellenwert besitzt, verdeutlichte nicht zuletzt Herr Ange Frédéric Dodohoré, der Projektleiter von „African Skills for Germany“ und Interimspräsident des Verbands AREBO (Freunde Reutlingens in Bouaké): So lernen jedes Jahr 470.000 Ivorer die deutsche Sprache, dank Fußball und Mercedes sei Deutschland in ihrer Heimat ein bekanntes und geschätztes Land.

Nach dieser Übersicht über die Organisation der Schule folgte ein Rundgang durchs Werkstattgebäude. Als Erstes wurden die wohlriechenden Gefilde der Konditorei aufgesucht, wo Frau Lamparter und Herr Gräschus mit ihren Schülern aus dem AVdual gerade Hefeteig zubereiteten. Das in appetitlich aussehende Hefezöpfe verwandelte Resultat dieses Schaffens konnte man danach in der benachbarten Bäckerwerkstatt bewundern. Herr Decker erzählte dort auch vom ungewöhnlichen Werdegang mancher Azubis, die zuvor teilweise Fächer wie Politikwissenschaft oder Pharmazie studiert hätten. Zwar weniger duftend, aber nicht minder interessant ging es beim darauffolgenden Besuch in der Werkstatt für Maler und Lackierer zu, wo Frau Buchfink anhand von Beispielaufgaben erläuterte, wie sie ihre Schüler aus dem zweiten Lehrjahr gerade auf die bevorstehende Zwischenprüfung vorbereitete. Auch die Fahrzeuglackiererei erweckte großes Interesse, als Herr Krause dort die fast unendlichen Möglichkeiten zur Farbtongestaltung näherbrachte. Besonders die Lackierkabine, in der gerade Fahrzeuglackierer des ersten Lehrjahrs am Werk waren, fiel hier verständlicherweise auf, wobei Herr Krause den Besuchern auch die hohen Betriebskosten einer so gut ausgestatteten Werkstatt nicht verschwieg. Nach diesen technischen Einblicken wandte man sich erneut den kulinarischen Bereichen zu, indem man Frau Haußmann und ihre Berufsvorbereitungsklasse in der Werkstattküche besuchte. Diese bereitete dort gerade ein Menü zu, das aus Salat, Spaghetti Bolognese und einem Dessert bestand. Die Delegation erfuhr, dass es dabei um weit mehr als „nur“ um die Zubereitung von Essen geht, nämlich darum, eine Arbeitshaltung zu entwickeln, Arbeitsschritte einzuüben, Regeln einzuhalten und die Schüler nicht zuletzt auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Der angrenzende neue Verkaufsraum machte ebenfalls einen sehr guten Eindruck, auch wenn dieser noch nicht ganz fertig ist und die dort ausgestellten Gebäckstücke nur aus Plastik sind. Zuletzt besuchte man die Werkstatt der Gerber, die Frau Bückers als ein Alleinstellungsmerkmal der Kerschensteinerschule herausstellte. Herr Kramer erklärte dort anhand eines Stücks Leder, wie der Prozess des Gerbens eigentlich abläuft und erweckte damit offensichtlich großes Interesse bei seinen Besuchern, die ihm etliche Fragen dazu stellten.

Der Rundgang im Werkstattgebäude hätte nach dem Geschmack der Delegation noch weit länger dauern können, lediglich die Zeitnot durch Folgetermine zwang schließlich zur Rückkehr in den Konferenzraum. Dort besprach man noch Perspektiven der Zusammenarbeit, so brachte Herr Dakuyo seinen Wunsch zum Ausdruck – quasi als Fundament für eine entsprechende Entwicklung in der Elfenbeinküste – zunächst ivorische Lehrer nach deutschem Vorbild auszubilden. An dieser Stelle musste jedoch auch auf die Grenzen der Möglichkeiten einer einzelnen Schule verwiesen werden, so begrüßenswert der Vorschlag prinzipiell ist. Überhaupt diente der Besuch nicht einfach einer reibungslosen Selbstdarstellung der Schule, sondern dank der ehrlichen und offenen Worte von Schulleitung und besuchten Lehrern, vor allem auch einem realistischen Einblick in die Herausforderungen und Grenzen eines solchen komplexen Betriebs. So konnte man sich in der Werkstatt auch ein Bild über den Aufwand und die Kosten machen, die mit so einer großen und umfangreichen Ausstattung einhergehen. Trotzdem überwog offenbar die Anerkennung für all das, was man an diesem Vormittag an der Kerschensteinerschule zu sehen bekam. So erhielten die Besucher einen detaillierten Einblick in den Betrieb einer deutschen Berufsschule, die Schule selber dagegen bekam durch ihre Besucher gespiegelt, wie gut und beeindruckend eigentlich jener Standard ist, den man im Alltagsbetrieb oft für selbstverständlich hält und stattdessen eher die Defizite erblickt. Zum freudigen Erstaunen der Ivorer verabschiedete Frau Bückers sie schließlich in fließendem Französisch, ehe schon die Delegation zu Ihrem nächsten Termin aufbrechen musste.

Post Author: kssadmin